

AUGENZWINKERN
in Erinnerung an Pierre Chanteau
Manche übersehen sie oder ignorieren sie. Andere entdecken sie zufällig bei Spaziergängen oder Wanderungen. Wieder andere haben das kleine Büchlein „Serr-Lagad“ in der Buchhandlung gekauft und folgen den spärlichen Hinweisen, die zu ihrem Standort führen. Für andere beginnt eine wahre Schatzsuche. Ich spreche von den kunstvollen Mosaik-Installationen in Form eines Auges des bildenden Künstlers Pierre Chanteau. Ich würde dir gerne von all dem erzählen. Wer war dieser Künstler und was hat ihn angetrieben? Wie verliefen meine Begegnungen mit den Orten, den Kunstwerken und den Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin? Es ist auch an der Zeit, dir mein Tagebuch und mein Fotoarchiv zu zeigen. Ja, ich habe allen Mosaiken tief in die Augen geschaut.
UN HOMMAGE

Was hat Pierre Chanteau bewegt?
Pierre Chanteau ist als bildender Künstler bekannt – er stammt aus Carantec in der Bucht von Morlaix im Departement Finistère. Aber Pierre war kein Künstler, der sich in eine Schublade einordnen ließ. Er war Musiker, Poet, Bildhauer, Handwerker und vor allem ein Mensch mit einem tiefen Blick für die Geschichten, die ihn umgaben. Geboren 1958 in der Bretagne, entwickelte er früh eine besondere Verbindung zu Kreativität, Freiheit und Ausdruck. Sein beruflicher Weg begann zunächst als Zahntechniker. Doch die Kunst wurde immer stärker zu seinem eigentlichen Lebensweg. Als Saxophonist spielte er in verschiedenen Musikprojekten – zunächst in der Band „Karroth râpées“ und später in der Band „Chihuahua“, bis Ende der 1990er Jahre – bevor er sich zunehmend der bildenden Kunst widmete.
In seinem Atelier in Carantec entstanden außergewöhnliche plastische Werke – immer geprägt von Fantasie, Humor und einer großen Menschlichkeit. Pierre war ein Freigeist. Menschen, Begegnungen, das Meer und die Kultur der Bretagne waren seine Inspirationsquellen. Er glaubte daran, dass Kunst nicht nur schön sein sollte, sondern eine Botschaft tragen müsse: eine Verbindung zwischen Menschen schaffen, Erinnerungen bewahren und zum Nachdenken anregen.

photo OUEST FRANCE
« Er war ein Idealist, ein Dichter, ein Fantast, ein freier Geist mit einem Hauch von Rock ’n’ Roll. »
Jacques Chanteau, sein Bruder

« Es ist eine Hommage an die Menschen des Meeres, die uns ein beeindruckendes maritimes Erbe hinterlassen haben, und ein Hinweis auf die Bedeutung der Weitergabe dieses Erbes. Es ist eine Aufforderung, unseren Blick auf das Meer zu ändern. Was einst Furcht einflößend war, ist heute gefährdet. Es ist unerlässlich, das Meer und den Ozean zu schützen. »
Was bedeutet das Symbol des Auges?
Das Auge wurde zum zentralen Symbol in Pierres künstlerischem Schaffen. Es war für ihn weit mehr als ein dekoratives Element.
Die maritime Geschichte faszinierte ihn. Die alten Seefahrer betrachteten ihre Schiffe als lebendige Wesen. So wurden schon in der Antike Augen an den Bug von Schiffen gemalt. Sie wachten über die Mannschaft, geleiteten das Schiff durch unsichere Fahrwasser, sie schützten vor ungnädigen Göttern und Seeungeheuern. Dem Unheil verheißenden ‚bösen Blick‘ hielten sie stand.
Diese Tradition und Symbolik griff Pierre auf und übertrug sie auf das Finistère. Für ihn lag diese Region wie der Bug eines großen europäischen Schiffes am Rand des Atlantiks – dort, wo Land und Meer unmittelbar aufeinandertreffen. Ein Mosaik-Auge symbolisiert Aufmerksamkeit, Schutz und Verbindung. Es beobachtet, erinnert und lädt dazu ein, genauer hinzusehen.
Was verband Pierre persönlich mit den Mosaik-Augen?
Für Pierre Chanteau waren seine Augen stille Wächter. Sie sollten an die unbändige Kraft des Ozeans erinnern, aber auch an die Menschen, die täglich mit seinen Gefahren leben, an die in Seenot geratenen und an arme Seelen, die ihr Leben auf See verloren haben.
Jedes Auge ist ein poetisches Zeichen des Erinnerns, des Hinschauens und der Verbundenheit mit dem Meer. Es ist zugleich eine Hommage an die Seenotretter – an jene Männer und Frauen, die freiwillig ihr eigenes Leben riskieren, um andere aus Seenot zu retten. Die Augen stehen für Solidarität, Mut und Zusammenhalt. Sie sollen die Menschen dazu bringen, innezuhalten und wieder bewusster wahrzunehmen: die Schönheit des Meeres, seine Unberechenbarkeit und die Bedeutung gegenseitiger Hilfe.

« Ich interessiere mich für Seefahrtsgeschichte. Die Schiffe der Antike, die zwischen dem Mittelmeer und dem Ärmelkanal Handel trieben, hatten große Augen auf den Bug gemalt. Sie sollten Unglück abwehren und die Besatzungen vor den Gefahren des Meeres schützen. Wir sitzen alle im selben Boot. Das Finistère, an der Spitze des Inselhandels, hat Schiffbrüche erlebt, aber auch Rettungen. Es ist eine Arbeit der Erinnerung. » PC

Warum entstand das Heft „Serr-Lagad“?
Die Reise und Entstehung seiner Augen dokumentierte Pierre Chanteau gemeinsam mit befreundeten Fotografen in dem Heft „Serr-Lagad – Taol-Lagad“, was auf Bretonisch sinngemäß „Augenzwinkern – Augenblick“ bedeutet.
Das (zwischenzeitlich neu aufgelegte) Büchlein beschränkt sich auf ein Foto jeden Mosaik-Auges mit der Angabe der jeweiligen Kommunen. Somit ist es keine klassische Dokumentation mit ausführlichen Informationen oder genauen Wegbeschreibungen. Vielmehr soll es die Menschen auf eine Entdeckungsreise schicken, ihnen die Möglichkeit geben, die Augen selber zu entdecken. Es entsteht eine besondere Art der Schatzsuche: Wer eines der Kunstwerke finden möchte, muss aufmerksam durch die Landschaft gehen und mit offenen Augen Ausschau halten.
Mit dem Erlös unterstützte Pierre Organisationen wie die S.N.S.M. (Société Nationale de Sauvetage en Mer) und SOS Méditerranée – ein Ausdruck seiner dauerhaften Verbundenheit mit Menschen in Not.
Mein Heft – der Einband ist ein Fehldruck -
mit zahlreichen Reiseaufzeichnungen.
Es gibt mehrere Ausgaben.
113
Kunsthandwerk: Die ganze Bretagne aus Pierres Sicht!
Ein schönes Video über Pierres Arbeit
Wie hat Pierre gearbeitet?
Pierre Chanteau arbeitete in seinem Atelier in Kerdanet (Carantec) mit Materialien, die bereits eine Geschichte hatten. Seine Kunst entstand aus Wiederverwendung und Transformation. Aus scheinbar wertlosen Materialien formte Pierre neue Kunstwerke mit eigener Identität.
Die Augen bestehen typischerweise aus:
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Glas- oder Keramikelementen
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Teilen von Flaschenhälsen
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Glasperlen
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mit einem elektrischen Isolator als Iris
Er fertigte jedes Auge von Hand. Kein Werk war exakt wie das andere. Jedes trug die Spuren seiner Materialien, seiner Arbeit und des Ortes, für den es bestimmt war.
Zwischen 2018 und 2019 bereiste Pierre die rund 1.430 Kilometer lange Küste des Finistère und die vorgelagerten Inseln.
« Einige dieser Bruchstücke habe ich selbst gesammelt, andere wurden mir von Spaziergängern gebracht, und viele legen sie mir vor meinem Atelier ab. » PC

« Alle gleich und doch alle verschieden, jedes ist einzigartig »

Le Conquet, Digue Sainte Barbe
photo OUEST FRANCE
An welchen Orten wurden die Augen installiert?
Als Pierre jeder der 113 Gemeinden im Finistère ein Auge schenkte, war seine einzige Bedingung die Zustimmung des jeweiligen Bürgermeisters und ein Standort, der möglichst direkt an der Küste oder am Ufer eines Flusses liegen sollte. Die Augen wurden an besonderen Orten angebracht: in Häfen, auf Molen, Kaimauern, Wellenbrechern, Felsen oder Gebäuden mit Blick auf den Atlantik oder einen Fluss. Viele Standorte waren bewusst gewählt, um der Geschichte des Ortes Rechnung zu tragen oder auch damit die Werke mit den Gezeiten spielen konnten. Manche Augen verschwinden bei Flut vollständig und tauchen bei Ebbe wieder auf – wie ein kurzes Augenzwinkern des Meeres.
Die Orte selbst prägen die Wirkung der Kunstwerke: wilde Steilküsten, kleine Fischerhäfen, Inseln und abgelegene Buchten bilden die Kulisse für diese außergewöhnliche Verbindung von Kunst und Landschaft.
Wo entstand das erste Auge?
Das erste der später berühmten Augen entstand in Locquénolé – dem Ort, der eine besondere Verbindung zu Pierre hatte, da er ganz in der Nähe geboren wurde.
Von dort aus entwickelte sich die Idee zu einem viel größeren Projekt. Was zunächst wie eine einzelne künstlerische Geste begann, wurde schließlich zu einem einzigartigen Kunstpfad entlang der gesamten Küste des Finistère.


Das erste von Pierre geschaffene Auge war im Vergleich zu seinen späteren Werken noch recht einfach. Locquénolé 2018
« Es ist nur eine vorübergehende Installation, das Meer wird das letzte Wort haben. Es ist an der Zeit, keine Spuren mehr zu hinterlassen – man kann Geschichten und Erinnerungen hinterlassen, aber was ich mir vor allem wünsche, ist, ein Stück Unberührtheit für künftige Generationen zu bewahren. » PC
Wie gelang die Pflege und Reparatur der Augen?
Pierre betrachtete seine Mosaike nicht einfach als fertige Kunstwerke. Für ihn waren sie lebendige Begleiter – fast wie eigene Kinder. Wann immer er an der Küste unterwegs war, besuchte er seine Werke und kümmerte sich um ihren Zustand. Der Atlantik hinterlässt Spuren: Salz, Wind, Wellen und Stürme setzen den Mosaiken zu. Pierre reparierte beschädigte Augen, erneuerte einzelne Elemente und sorgte dafür, dass seine Werke weiterhin Teil der Küstenlandschaft blieben. Nach seinem Tod bleibt die Pflege dieser Kunstwerke nun eine Aufgabe der Menschen, die sein Vermächtnis bewahren möchten.
Leider kommt es immer öfters zu fahrlässigen und mutwilligen Beschädigungen der Augen. Einzelne Mosaike wurden zwischenzeitlich gestohlen. Andere wurden offensichtlich bei Diebstahlversuchen dauerhaft schwer beschädigt. Die Zerstörung und der Diebstahl dieser einzigartigen Unikate macht sprachlos und traurig. Das ist ein Grund, warum – neben vielen anderen – auch ich Pierres Geschichte in Worten und Bilder erzähle.
Wie kam es zu den Augen für Privatleute?
So wettstreiten so manche Augen-Schatzsucher darum, wer denn alle Mosaike gefunden und besucht habe.
Aber: es kann wohl niemand behaupten, alle Mosaike zu Gesicht bekommen zu haben, mit Ausnahme von Pierre selbst und vielleicht seinen engsten Lieben. Denn neben den 113 “offiziellen” Kreationen hat Pierre seine Kunstwerke auch für Freunde und Fans als Auftragsarbeiten gefertigt, nicht minder kunstfertig und von Herzen.
Über die genaue Anzahl gibt es keine offiziellen Informationen, es dürften aber nicht Wenige sein.
Die meisten Mosaike von Privatpersonen finden sich verstreut im Finistére – mit einer hohen Dichte im Raum Carantec, der Heimat von Pierre -, in der Bretagne und im übrigen Frankreich. Und das eine oder andere Augenzwinkern ziert so manches Haus oder eine Gartenmauer im Ausland, man hörte von Belgien, Deutschland und Kanada.
An allen Orten bleibt die Bedeutung dieselbe: ein Symbol für Schutz, Aufmerksamkeit, Erinnerung und die besondere Beziehung zwischen Mensch und Meer.

Mein Heft – ich hatte mir notiert, wo ich in Portsall Mosaik-Augen von Privatpersonen gefunden hatte – und der Diebstahl des Auges im Hafen von Argenton
Sein Tod und sein Vermächtnis
Pierre Chanteau starb am 28. März 2025 nach langer Krankheit im Alter von 66 Jahren.
Die Nachricht von seinem Tod löste in der Bretagne große Anteilnahme aus. Viele Menschen erinnerten an einen Künstler, der nicht nur öffentlich präsente Werke, sondern Begegnungen und Erinnerungen geschaffen hatte. Ein letzter Abschied wurde ihm im Krematorium von Saint-Thégonnec gegeben.
Pierre Chanteau wird uns weiterhin begleiten: durch seine Augen aus Glas und Keramik, entlang der weitläufigen Küste des Finistère, im Rhythmus der Gezeiten, im Geist seines Werks, in der Erinnerung von uns allen. Seine Kunst lädt uns dazu ein, wachsam zu bleiben – zu beobachten, zu schützen und niemals die Verbindung zu vergessen, die die Menschen mit dem Meer verbindet.

Bon Vent, Kenavo Pierre !

